Sicht einer Besucherin
Includes male: FEMALE
Bericht vom 8. Interkulturellen Frauenmusikfestival im Hunsrück


Das Frauenmusikfestival in Sohrschied war eine wunderbare Erfahrung. Auf ganz verschiedenen Ebenen. Wir haben mit vier Frauen und einer andersfähigen Jugendlichen gezeltet und es war genauso kostbar wie erwartet: einander näher kennenzulernen beim Vorbereiten und Ankommen, beim Arbeiten, Feiern, Essen und Aufstehen. Geteilte Begeisterung, gemeinsame Arbeit, das Beobachten, wie sich die Dinge entfalten und fügen, Kafftee schlürfen am Campingtisch und die Erlebnisse besprechen und dies und das diskutieren. Und dann der Körper: die nackten Zehen in die Wiese graben, den Bauch baumeln lassen, den BH in die hinterste Ecke der Reisetasche knuddeln und ihn ab da vergessen... zuhause bleibt er noch in der Ecke liegen.
Es regnete, es war heiß, es gab Sternenhimmel, es gab Congatanz, Gesänge und Feuer, es gab einen rauschenden Bach mit Miniwasserfall, lauter Wald drumherum und Spaziergänge durch Wald und Heuwiesen, es gab viele Stände zu kucken und so viele Begegnungen, es gab einen Bioladen, vegetarisches Essen, es gab keine Kippen auf der Wiese und keinen Qualm im Veranstaltungszelt, die Toiletten wurden gepflegt und es reichten tatsächlich wenige für viele. Es gab Rundwege von Mosaikstücken aus Kunststoff, sonst wären wir zeitweise im Morast versunken und hätten die Rollstühle und Schubkarren voller Gepäck nicht rollen können.
Überhaupt, die Organisation: was da zwei Handvoll Frauen und -zig freiwillige Helferinnen auf die Beine stellen, das ist schon enorm. Erst mit der letzten Veranstaltung vor zwei Jahren kam überhaupt ein bißchen Geld rein, um die Schulden der bisherigen Festivals anzugehen, die ein paar Frauen privat tragen. Es ist noch nicht raus, ob die Tendenz jetzt anhält: so ein Festival ist etlich teurer als man sieht. So tat uns kein Euro, der dort blieb, leid, schließlich war alles Anerkennung von Frauenarbeit oder „Soli“ fürs Festival, ob Trinken, Essen (die Preise waren übrigens angenehm bescheiden), Tombola oder Second-Hand-Kleidung (...und wir haben alle was Nettes zum Anziehen gefunden, grins).
Die Musik war aus aller Damen Länder und stilistisch vielfältig, teilweise speziell, immer war das Zelt voll und wurde andächtig gelauscht, wo nicht getanzt wurde, der Applaus fiel satt aus, für die Musikerinnen wie für die Orga´s, reichlich Anerkennung und eine feine, angespannte Aufmerksamkeit.
Ich selbst habe die Musik witzigerweise gar nicht als Hauptsache erlebt. Ich habe in den Frauen gebadet und in der unglaublichen Atmosphäre, die ich auf dem Platz empfand - nicht leicht vorstellbar, was ein Ort unter Frauen ist, wenn man sich die Sache als Trockenübung vorstellen muß, denn es ist etwas ganz anderes als „was wir aus dem Alltag kennen minus Männer“. Ich habe da gesessen und Hunderte von Frauen beobachtet und aufgesogen und hätte sie alle umarmen können, alle miteinander. Warum?
Zunächst, diese Atmosphäre wird jede kennen: es ist friedlich und teilnahmsvoll und freundlich. (Auch wenn euch jetzt sofort das Gegenteil einfällt: ihr kennt es trotzdem.) Durchlässige Menschen wie ich freuen sich sehr, wenn die kleinen An- und Augenblicke, die man im Vorbeigehen und in flüchtigen Begegnungen hat, nicht Maske noch Mißtrauen, sondern voller Lächeln sind: wenn ein „danke“ so richtig herzlich gemeint und Anteilnahme der natürliche Zustand ist. Wenn ein Problemchen, eine Bitte keinen Hilfe-ich-werde-angesprochen-Schreck oder höfliches Bemühen oder Übergriffslaune auslöst, sondern instantanes multiples Beitragen.
Dann, und das war das spannendste, diese seltsame Wahrnehmung: Es fehlte nichts, es fehlte nichts. Sowieso schon mal nicht Tatkraft oder Know-How, das wissen wir ja, auch nicht die ‚Beziehungshälften’, nicht der Eros und keine Leidenschaft... schön zu sehen, witzig die Selbstbeobachtung. Ich bin zwar nicht das, was man sich unter einer Lesbe vorstellt (ich bin nie das, was man sich unter irgendwelchen Begriffen vorstellt), aber meine erotischen Tentakeln scheren sich nun nicht gerade darum, ob ein Wesen männlich oder weiblich ist.
Aber selbst dem Blick jenseits des Eros mangelte es an nichts. Kein Signal, kein Gedanke. Hätt´ ich´s nicht gewußt: nur Frauen, ich hätte es optisch zunächst überhaupt nicht bemerkt. Ich war verblüfft über die Vielfalt von Typen vor meinen Augen - und ich meine hier den Plural von ‚Typus’ und nicht von ’Typ’ wie "Mann" - eine Vielfalt von Gestalten, die auf einer gedachten Linie zwischen den Polen „männlich“ und „weiblich“ so ungefähr jeden Punkt einnahmen. Da hauchte mich tatsächlich eine Welt an, von der jede Frau-außerhalb-eines-Lesbenlebens behaupten würde, nein, so eine wolle sie nicht, und ich erinnere mich, von wievielen heilen Dingen haben wir falsche Vorstellungen! Ich erinnere mich: „Frauen“, ein Konstrukt in unserem Kopf, ein beschnittener und begradigter künstlicher Garten, wo in Freiheit wahre Wildnis wäre. Wunderbare freie Wildnis.

Ja, es gab eine Menge Frauen, die hätte man für einen Mann gehalten, gar keinen bestimmten Typus, sondern irgendeine Sorte davon; und es gab Frauen, die sahen aus wie eine Frau, irgendeine Sorte von Frau und die hatten einen Bart; es gab Frauen, die wirkten wie ein „Kerl“ (ein Kleiderschrank); es gab Frauen mit wallenden Locken, die waren „mütterlich“ weiblich, es gab Frauen mit wallenden Locken, die waren jungenhaft latzhosen-sexy; es gab Jungs mit Glatze, es gab auch Frauen mit Glatze... es gab, es gab.
Klar? In der Vielfalt, in der nichts mehr fehlte, löste sich der Begriff FRAU einfach auf. Ein Begriff hat bloß den Sinn, eines vom anderen abzugrenzen (zu unterscheiden). Wenn es nichts mehr gibt, was jenseits des Begriffes übrig bleibt, wird die Bezeichnung eben überflüssig. Ich war also nur in dem Sinne auf einem Frauenfestival, daß es tolerant, freundlich und entspannend war. Da man den Psychostreß, der sich anhand verbaler oder energetischer Übergriffe, kommunikativer Verweigerung oder sozialer Inkompetenz in der Durcheinanderwelt so leicht einstellt, nur selten wirklich vermißt, gab es also überhaupt nicht das geringste Gefühl von Fehlen.

Eine Vielzahl von Frauen sind mir in Erinnerung, die mich - auch ganz unerotisch - fasziniert haben, und es fiel mir nur mal wieder auf, daß mich am meisten fasziniert, was in unserer befremdlichen Welt der Stereotypen, der Zwangskonformität und des verblödeten Schwarz-Weiß-Denkens am wenigsten sichtbar ist. Nicht weil es nicht IST, sondern weil es nicht darf. (Jede von uns verbirgt irgendwas, oder etwa nicht. Hörten wir endlich damit auf, dann wüßten wir auch wieder, was Frauen sind!)

Um einen schwachen Eindruck zu geben, da waren Ladies, die aussahen wie sexy Models und arbeiteten und sich bewegten wie Handwerker und warum ist das faszininierend, da waren Geschäftsfrauen, die mit bloßer Brust hinter ihrem Stand saßen und was soll nochmal dabei sein, da waren Frauen, die sich in Klamotten schmissen, deren Kriterium offensichtlich die reine Freude und Bequemlichkeit war und die nicht im geringsten auf den Gedanken schließen ließen, man müßte eine hängende Brust oder einen unflachen Bauch verstecken oder auch nur gesondert beachten. Da waren Frauen von Rasta bis Bio mit Schnauz- und Kinnbärten, da waren geistig behinderte Mädchen oder Frauen mit schwerstem Geschütz an Rollstuhl oder waren besonders interessant aussehende Frauen mit, na, vielleicht mit einem lahmen Bein, vielleicht aber auch nicht. Da waren Teenager, die aussahen wie süße Jungs, da waren Frauen, die aussahen wie Türsteher. Da waren wunderschöne reife Ladies, die lächelten und voll herzlich rüberkamen und nicht schnöde kühl wie "Geschäftsfrauen".

Es war einfach nur satt. Ich bin nicht ausschließlich und ich liebe (meistens) Männer, aber einmal sagte ich spontan zu den andern: Ey, so könnte ich leben -- die Männer in den Zoo und ab und zu ein Zoobesuch... das wär´s!
Was mich daran erinnert, daß Geschlechtertrennung in bestimmten Bereichen und ritualisierte Geschlechterbegegnung etwas sehr Erholsames (und Normales) sind, und daß Männer genauso vielfältig und schön wären, wenn sie sich solche Räume schafften und eigene Quellen.

Jedenfalls, 4 Fans (und nur zum Scherz: Fähninnen!) werden sich angrinsen und euch keine Ruhe lassen, bis ihr mitfahrt: Juli 2006, zum nächsten Festival.

Karin Schnurpfeil, im Juli 2004

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